" />

Wie die Presse Facebook tot schreibt und was tatsächlich Sache ist

by rjoerges on 14. Juni 2011

Wenn der selbsternannte “Qualitäts-Journalismus” zuschlägt, dann häufig daneben. So verschreckte der Spiegel heute morgen seine Leser mit der Meldung “Facebook-Nutzung in den USA geht zurück” und die Welt setzte gleich noch einen drauf mit “Facebook laufen in den USA die Mitglieder davon“. Die beiden Artikel stehen hierbei nur stellvertretend für viele andere.

Ist es also Zeit in Panik zu geraten und sämtliche Kommunikations-Maßnahmen auf Facebook einzustellen? Sicherlich nicht!

Denn alle diese Qualitäts-Journalisten haben aus einer Quelle abgeschrieben, nämlich dem Blog Inside Facebook. Doch Inside Facebook hat im besagten Beitrag lediglich die Zahlen der eigenen Marktforschung Namens Inside Facebook Gold ausgewertet. Und hat in einem Folgepost die Aussage relativiert:

Die verfügbaren Daten zeigen, dass die Facebook-Nutzerzahlen schnell oder langsam wachsen oder sinken

Mit anderen Worten, die Datenlage ist indifferent, deutet aber auf eine mögliche Marktsättigung hin. Die Frage ist lediglich, wird es zu einem Absturz wie bei MySpace kommen? Vermutlich nicht, denn im Gegensatz zu dem überwiegend von Jugendlichen genutzten MySpace versteht es Facebook nicht nur technologisch auf der Höhe der Zeit zu bleiben, sondern im Gegenteil, die Technologie sogar zu treiben (z.B.: Social Graph, Gesichtserkennung etc.) und den Dienst beständig mit neuen Features aktuell zu halten.

Was wird also passieren? Ganz einfach: Vermutlich das Beste für uns Kommunikatoren! Früher oder später werden viele Facebook-Mitläufer abspringen und es werden nur noch diejenigen Nutzer übrig bleiben, die wirklich relevant sind.

Denn das, was da passiert ist nichts Neues. Im Gegenteil, es ist seit Jahren (erstmals 1995 erwähnt) bekannt unter dem Namen Hype-Cycle bzw. Hype-Zyklus nach Gartner:

Demnach sind wir gerade am “Peak of Inflated Expectations” bzw. dem “Gipfel der überzogenen Erwartungen”. Bitter, aber vermutlich Realität, denn demnächst wird es via “Tal der Enttäuschungen” zum “Pfad der Erleuchtung” gehen um letztendlich dann doch auf dem “Plateau der Produktivität” zu landen.

Wir wissen nicht, wie sich das in realen Nutzerzahlen niederschlagen wird, klar ist nur eines: Es wird rapide bergab gehen um sich irgendwann auf einem realistischen Level einzupegeln. So oder so: Wer Social Media verstanden hat, dem wird das nichts ausmachen. Wer aber Facebook mit den Maßstäben von Print-, Rundfunk- und Fernsehwerbung, also als Ort für Kampagnen und das “Sammeln” von Usern sieht, der wird wohl bald enttäuscht sein. Und das ist gut so!

{ 4 comments… read them below or add one }

Marie-Christine Schindler Juni 14, 2011 um 16:57

Danke für’s Abkühlen und die Analyse. Besonders der letzte Abschnitt hat es mir angetan. Fragt sich nur, was dann mit all den vielen Ruinen in Facebook geschieht.

Floyd Juni 15, 2011 um 09:27

Danke für den Artikel. Ich frage mich, wie bei Facebook die Nutzerzahlen rückläufig sein können, wo es keine Option gibt das eigene Profil zu löschen. Das heisst die Nutzerzahlen können stagnieren, ja, aber niemals sinken. Eine Häufigkeit der Nutzung kann sinken, aber nicht die Nutzerzahlen. Das ist Facebook. Und wie immer im Leben wird bald der nächste “Hype” entstehen und dann rennen wieder alle wie wild hinterher.

Karsten Juni 15, 2011 um 14:23

Hallo,

…realistisch beschrieben – danke.

Wenn ich auch die Gesichtserkennung nicht unbedingt als technologischen Fortschritt innerhalb eines soz. Netzes betrachten würde.

Gruss
Karsten

Stefan Schär Juni 15, 2011 um 15:48

@ Floyd: Bei den ausgewiesenen Zahlen handelt es sich um die während den letzten sechs Wochen aktiven Nutzer. Wer also seinen Account während dieser Zeit nicht mehr genutzt hat, wird in der Statistik nicht aufgeführt.

Generell: Was auffällt ist, dass der Rückgang in einem einzigen Alterssegment statt fand (Altersgruppe der 20- bis 29-jährigen Personen) in den USA; gleichzeitig stieg in der gleichen Altersgruppe bei einigen Nationen genau dieses Segment im überjährigen Monatsvergleich ausserordentlich stark an. Eine ähnliche Entwicklung – allerdings in unbekehrter Auswirkung – war vor rund einen halben Jahr zu beobachten: Das Segment der Frauen in den USA stieg unnachvollziehbar stark an, gleichzeitig verloren einige andere Staaten im Frauensegment unnachvollziehbar stark an aktiven Mitglieder. Im Folgemonat hatte sich dies wieder korrigiert.

Bei der grossen ‘Abwanderungswelle’ könnte es sich auch lediglich um eine Zuordnungsproblematik seitens Facebook handeln. Um dies endgültig beurteilen zu können, ist die Entwicklung des laufenden Monats abzuwarten. Bis dahin: Nicht so heiss nehmen, wie es gekocht zu sein scheint.

Eher nachhaltig ist dagegen die Entwicklung in Kanada sowie in den skandinavischen Ländern zu nehmen. Hier ist eher von einer bestimmten Sättigungstendenz auszugehen.

Gruss
Stefan Schär

Leave a Comment

{ 6 trackbacks }

Previous post:

Next post: